Liens
 
 Amerika gegen den Rest der Welt
Amerika gegen den Rest der Welt
das kann nicht gut gehen.
Europa setzt dem Einfluss
der Vereinigten Staaten Grenzen
Von Charles A. Kupchan (Die Zeit, 22. Mai 2003)
Erst langsam verzieht sich in Bagdad der Rauch. Da ist es noch zu früh, darüber zu urteilen, wie der Irak-Krieg und der Riss in den transatlantischen Beziehungen, der mit ihm entstand, die zukünftige Entwicklung des internationalen Staatensystems beeinflussen werden.
Eine Auffassung besagt, dass die Vereinigten Staaten nunmehr ihre überwältigende militärische Macht und ihren Willen bewiesen hätten, sie auch einzusetzen. Woraus eindeutige Lehren zu ziehen seien: Deutschland, Frankreich und Russland sollten lieber alles in ihren Kräften Stehende tun, um sich mit der einzigen Supermacht der Welt auf guten Fuß zu stellen, und alle Schurkenstaaten könnten sich schon mal auf das Schlimmste gefasst machen. Ein neues amerikanisches Jahrhundert kündige sich an.
Einer anderen Sicht der Dinge zufolge bedeutete der Krieg das genaue Gegenteil: das Ende des amerikanischen Zeitalters. Die USA haben ihre neue Doktrin vom Präventivkrieg und ihren Anspruch auf Vorherrschaft in die Tat umgesetzt. Aber sie haben damit auch gegen das Urteil der Weltmeinung gehandelt und ihre internationale Legitimation beschädigt. Amerikas gütige Hegemonie ist nicht mehr gar so gütig. Von jetzt an werden sich die anderen Nationen dem amerikanischen Führungsanspruch eher widersetzen, als sich hinter den USA zu sammeln.
Diese zweite Ansicht dürfte die zutreffende sein. Der Krieg im Irak war nur ein Symptom, nicht die Ursache für die Kluft, die sich jetzt zwischen Amerika und dem größten Teil der restlichen Welt auftut. Die meisten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats hatten sich von vornherein darauf eingestellt, Washingtons Drängen auf einen Krieg Widerstand entgegenzusetzen. Denn sie waren längst zu der Überzeugung gelangt, dass die Vereinigten Staaten eine größere Bedrohung für die internationale Stabilität darstellten als der Irak. Der amerikanische Unilateralismus, der von den Verletzungen und der Wut genährt wird, die der 11.September zurückgelassen hat, zerreißt das Gefüge der internationalen Gemeinschaft.
Obwohl Amerikas militärische Überlegenheit über Jahrzehnte hinweg unantastbar bleiben dürfte, wird dieser grundlegende Wandel in der Wahrnehmung amerikanischer Macht und ihrer Ziele die Stellung der USA als einzige unangefochtene Supermacht langsam, aber sicher untergraben. Viele Länder gehen jetzt auf Distanz zu den Vereinigten Staaten und befördern damit den Übergang in eine Welt, die aus mehreren Machtzentren besteht. Die Wiederkehr einer multipolaren politischen Landschaft wird die Konkurrenzinstinkte wieder erwecken, die durch die Vorherrschaft der USA in Schach gehalten worden waren. Es gehört zu den zentralen Herausforderungen der Weltgemeinschaft, sich auf diesen Umbruch vorzubereiten.
Die meisten politischen Beobachter stimmen zwar darin überein, dass die gegenwärtigen Erschütterungen der transatlantischen Beziehungen die schwerwiegendsten seit dem Zweiten Weltkrieg seien. Doch sie betrachten diesen Zustand als vorübergehend. Er sei die Folge negativer Wesenseigenheiten der Bush-Regierung. Das ist jedoch eine gefährliche Illusion. Unter der Oberfläche macht die internationale Ordnung grundlegende Veränderungen durch, die nicht mehr umkehrbar sind.
Der Aufstieg eines selbstbewussteren und zuversichtlicheren Europa ist eine wesentliche Triebkraft dieses Umbruchs. Das Volkseinkommen der EU nähert sich dem der USA, und der Euro gewinnt gegenüber dem Dollar ständig an Boden. Investoren tendieren mehr und mehr zu Euro-Anlagen, was für Amerika, das in hohem Maße von Zuflüssen ausländischen Kapitals abhängig ist, zu einer ökonomischen Achillesferse werden könnte.
Das stetige Heranwachsen Europas zu einem alternativen Zentrum der Macht hat aber nicht nur eine wirtschaftliche Seite. Die EU-Mitglieder debattieren derzeit über die Verabschiedung einer gemeinsamen Verfassung sowie über die Ernennung eines einzigen Außenministers und eines direkt gewählten Ratspräsidenten. Die EU hat die USA als wichtigsten diplomatischen Vermittler auf dem Balkan abgelöst, und die EU-Erweiterung wird den Einfluss der Union auf ganz Mittel- und Osteuropa verstärken. Die europäischen Neumitglieder sind von der Entwicklung der Union zu einem Gegenspieler der USA zwar weit weniger begeistert als die alten EU-Staaten. Aber in dem Maße, wie die europäische Sicherheitsstruktur unvermeidlicherweise europäischer und weniger atlantisch wird, muss auch den Mitteleuropäern klar werden, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, ihr Gewicht in eine starke EU einzubringen.
Kein Zweifel, die Anstrengungen der EU, ihre militärischen Fähigkeiten zu vergrößern, bleiben weit hinter den Fortschritten auf der ökonomischen und politischen Ebene zurück. Aber es gibt auch hier ermutigende Anzeichen. Frankreich erhöht seine Verteidigungsausgaben um 20Prozent. Und unter dem Eindruck der Turbulenzen des Irak-Konflikts planen Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg neue Schritte zur Vertiefung ihrer Verteidigungsgemeinschaft.
Selbst bei optimistischsten Annahmen wird die EU Amerikas militärische Übermacht in absehbarer Zeit nicht infrage stellen können – wenn überhaupt jemals. Aber Europas Sicherheit wird in Zukunft in viel geringerem Maße von den Vereinigten Staaten abhängen als bisher. Das wird seine Unabhängigkeit fördern und seinem Willen, sich gegenüber Amerika zu behaupten, Auftrieb geben. Die Veränderungen auf der anderen Seite des Atlantiks sind ebenfalls von grundlegender Art. Statt seine Führungsrolle auf Konsens und die Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen zu gründen, hat sich Amerika einem sturen Unilateralismus verschrieben. Der Grund ist nicht allein George W. Bush. Es gibt dafür tiefere Ursachen.
Der Unilateralismus ist ein fester Bestandteil der amerikanischen Kultur mit ihrer Fixierung auf Freiheit und Selbstbestimmung. Nach dem Ende des Kalten Krieges und seiner Gefahren, die Amerika an seine Verbündeten und an internationale Organisationen fesselte, setzt sich diese libertäre Tradition wieder durch. Das bodenständige amerikanische „Kernland" – es ist der am schnellsten wachsende Teil des Landes – bevorzugt solche populistischen Neigungen. Und der 11. September hat die Kräfteverhältnisse bei Wahlen auf viele Jahre hinaus nach rechts verschoben – es ist jetzt politisch gefährlich geworden, sich gegen die Falken zu stellen.
Die prägende geopolitische Entwicklung dieses Jahrzehnts wird deshalb voraussichtlich die Trennung zwischen einem aufstrebenden Europa und einem schwierigen Amerika sein, was zu einer inneren Spaltung des Westens führen wird. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die USA und die EU durch die Auflösung der atlantischen Allianz zu Feinden werden, mit Sicherheit aber entwickeln sie sich zu ausgeprägten Konkurrenten. Wegen der militärischen Unterlegenheit Europas wird es keine bipolare Welt geben. Weil sich Europa aber entschiedener gegen Amerika behaupten kann, wird die Welt auch nicht unipolar sein.
Zu Beginn des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts wird sich die geopolitische Achse wahrscheinlich zum Pazifik hin verschieben. China entwickelt sich nach und nach zu einer erstrangigen Wirtschaftsmacht – möglicherweise mit entsprechender militärischer Stärke. Japan wird sich irgendwann aus der Rezession befreien und zum Aufstieg Asiens beitragen. Dieses Jahrhundert wird weder Amerika, Europa noch Asien gehören – sondern niemandem.
Somit tritt die Welt in eine Epoche des geostrategischen Umbruchs ein und nicht in eine Ära fortgesetzter US-Hegemonie. Veränderungen im System zwischenstaatlicher Beziehungen sind immer mit Gefahren verbunden; es ist daher unbedingt nötig, den Wandel zur Kenntnis zu nehmen und eine Strategie zu entwickeln, wie er friedlich bewältigt werden kann.
Eine effektive Strategie des Umgangs mit diesen Herausforderungen hat drei Bestandteile. Erstens muss Amerika wieder entdecken, dass der Multilateralismus zumindest einige Vorteile hat. Geschieht dies nicht, wird das internationale Gleichgewicht zusammenbrechen, und Europa und Amerika werden eine hässliche Scheidung statt einer freundschaftlichen Trennung erleben. Es kann sein, dass sich in den USA die vernünftigen Stimmen wieder Gehör verschaffen, auch wenn das politische Klima weiterhin von der Furcht vor dem Terrorismus durchdrungen bleibt. Sollten jedoch die Mechanismen der Selbstkorrektur versagen, obliegt es anderen, vor allem den Europäern, Amerika Zügel anzulegen.
Ein Europa, das seine Anstrengungen zum Aufbau einer Union, die auf der weltpolitischen Bühne gemeinsam handeln kann, verdoppelt, ist der zweite entscheidende Faktor einer neuen Strategie. Zurzeit befindet sich die EU in einem Niemandsland. Sie ist zu stark, um Amerikas Vasall, aber auch zu schwach und zu gespalten, um entweder ein effektiver Partner oder ein nennenswerter Gegenspieler der USA zu sein. Das fordert die Geringschätzung Washingtons heraus. Wenn die USA es aber mit einem starken und zielstrebigen Europa zu tun haben werden, wird es für sie zumindest eine Option sein, eine ausgewogenere, reife Partnerschaft mit Europa zu pflegen. Ob sich nun Amerika als vernünftig genug erweist, den Multilateralismus wiederzubeleben oder nicht, die EU wird am Ende als ein verantwortliches Machtzentrum dastehen, das seinen Teil dazu beiträgt, einer unsicheren Welt Halt zu geben.
Das gemeinsame Bemühen, China und andere sich entwickelnde Regionen in die globalen Märkte und Institutionen einzubeziehen, macht die letzte Komponente einer Strategie aus, die den Rückweg in die Multipolarität ebnen kann. Nur so kann erreicht werden, dass sich China mit Amerika und Europa abstimmt, statt seine Macht gegen sie zu richten. Das wird nicht zuletzt eine Entschärfung jener Verhältnisse möglich machen, die Instabilität, Proliferation von Waffen und Terrorismus hervorbringen. Das ist eine enorme Aufgabe – was umso mehr unterstreicht, wie dringend ein gezähmtes Amerika und ein geschlossenes Europa gebraucht werden.
Aus dem Englischen von Richard Herzinger.
(c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22


18, juillet 2006
 
Parution

Nous vous informons de la parution du dernier ouvrage de Daniel Ventre intitulé "La guerre de l'information", publié aux éditions Hermès Lavoisier. Au sommaire: l'historique du concept, son expression dans les doctrines militaires, sa mise en oeuvre et ses implications stratégiques, politiques, juridiques, aux Etats-Unis, en Chine, au Japon, en Inde, en Russie, à Singapour. Cet ouvrage traite de défense et sécurité nationale et internationale, de stratégie, géopolitique, économie, crises et conflits dans le cyberspace, révolution dans les affaires militaires...
Daniel Ventre est ingénieur au CNRS et chargé de cours à l'Ecole nationale supérieure des télécommunications de Paris. Il est auteur de nombreux rapports et articles sur la guerre de l'information, le droit des technologies de l'information, les politiques d'innovation ainsi que d'un ouvrage sur le droit de l'internet.

Pour voir le descriptif du livre visitez
http://www.amazon.fr/Guerre-lInformation-Daniel-Ventre/dp/2746218836

Pour plus d'informations sur l'auteur visitez http://infowar.romandie.com
 
 
 
 
 
 

 

  [ Accueil ] [ Mentions légales ] © Copyright 2006 Forum Carolus Réalisation First System Online